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Baggersee


Old Trockenhand und des Lebens fehlender Sinn
Eine bitterböse Parabel des Ungarn Gergely Péterfy

Von Sabine Berking

Das ist kein Buch für zimperliche Humanisten, in diesem Roman herrschen Tristesse und Düsternis, und dafür gibt es kaum einen besseren Schauplatz als einen öden Baggersee. Piefige Datschen, eine schmuddelige Trinkstube und im Unkraut verrottender Müll: ein Refugium spießiger Freizeitkultur, auf dessen Grund Leichen verwesen. Wer hier laufen lernt, strauchelt sein ganzes Leben. Anders als die Sommerfrischler haben die Antihelden des ungarischen Autors Gergely Péterfy Freizeit satt, im doppelten Sinne des Wortes: Sie sind tote Seelen, beckettsche Randfiguren in einer zwischenzeitlichen Lebensleere, die gegen die absolute Bedeutungslosigkeit ankämpfen wie Ertrinkende. Hierher, so der “Wächter”, ein unermüdlicher Berichterstatter aus dieser Kampfzone des quälenden Nichts, kommt man nicht zum Baden. Schwimmen sei kein Sport, sondern der dämliche Versuch, nicht zu ersaufen.

Der alte Kálman will zur Witwe Katalin, die er angeblich über eine Annonce kennengelernt hat. Doch bevor er sich der Witwe vorstellen will, muss er in der Trinkstube noch einiges hinunterspülen. Man ahnt es schon: Bis zur Dame des Herzens wird er nicht vordringen – anders der narbige Anti, der einen ausrangierten Ikarus-Bus, einst Symbol sozialistischer Autotechnik wie der Trabant oder der Wolga, zu seinem Zuhause machte und darin stetig eine Knochensammlung erweitert. Wie der Bus hat auch Anti längst kein Ziel mehr. Ein Brief, der nur ein aufgeweichter Zettel ist, wirft ihn für eine kurze Weile aus der Bahn; dann rollt er den Stein des Sisyphos – die Knochensammlung – weiter. Die böse Vera, die eines Tages unvermittelt mit Gepäck anreist, wirft mit Fremdwörtern um sich, die keiner versteht. Sie geht ein Techtelmechtel mit Ervin, dem brotlosen Maler, ein, dessen Bilder sie an der Landstraße in kurzem Röckchen nicht ganz ohne Erfolg an herbeiströmende Fernfahrer verschachert. Dem Kaninchenzüchter Kövári wiederum rennen die Karnickel davon, ihm bleibt nach dem Ruin nur der verzweifelte Kampf gegen den unerträglichen “Daheimgeruch” und die ganze “Verdaheimgeruchisierung”; und János Trockenhand, einst freiwilliger Polizist, jetzt beleidigter Griesgram, verbirgt stets ein vermeintliches Ekzem unter einem notorischen Handverband.

Natürlich gibt es auch richtige Bösewichter in diesem postmodernen GuLAG, zwei Brüder, die einst über außergewöhnliche Eigenschaften verfügten. Der eine konnte sich ein paar Augenblicke in der Luft halten, der andere entlockte Steinen Geräusche. Doch um das achtzehnte Jahr herum begannen diese Fähigkeiten zu schwinden, inzwischen vertreiben sich die selbsternannten Haderlumpen die Tage mit Prügelei. Das erste Opfer ist immer der eigene Vater, dessen Weheschreie zur Geräuschkulisse am Baggersee gehören und der für ein Freibier in der Trinkstube schon mal freiwillig die Knochen zum Verprügeln hinhält; er hat Übung, die anderen haben Aggressionen zum Loswerden. Selbst die Fliegen schlagen in diesem Habitat des Siechtums bösartig mit Flügeln um sich. Am Ende liegt ein Vogel in einem Schuhkarton und verweigert die Zwangsernährung, die ihm der Erzähler zuteil werden lassen will – kein angemessener Tod für einen Vogel, versteht sich, selbst für einen, der wegen zu großer Füße nicht fliegen kann. Doch die “Kunst des Sterbens” – so der Titel dieses letzten Kapitels – ist längst in Vergessenheit geraten. Der Erzähler kehrt zum Papier zurück, der Vogel krepiert elend. Wer nicht fliegen kann, kann auch nicht sterben.

Gergely Péterfy lehrt Latein und Altgriechisch an der Universität von Miskolc, seit Anfang der neunziger Jahre veröffentlicht er literarische Texte, 1999 erschien bei Suhrkamp die Erzählung “Schwarze Messe” in einer Anthologie ungarischer Kurzprosa. 2003 wurde er in seiner Heimat mit dem József-Attila-Preis ausgezeichnet, ein Jahr später erhielt er den renommierten Sándor-Márai-Preis. “Baggersee”, 2004 auf Ungarisch erschienen, ist Péterfys erstes Buch auf Deutsch.

Wie die Ungarn Sándor Márai und László Krasnohorkai ist auch Gergely Péterfy ein Bote verlorener Schlachten, dessen düstere Prosa bezeugt, dass der Mensch sich oft vor nichts so sehr fürchtet wie vor der Freiheit. Seine existentialistisch-surreale Parabel auf die moderne Menschheit erzählt der 1966 in Budapest geborene Péterfy lakonisch und recht spartanisch, was die Bezeichnung “Roman” fast obsolet erscheinen lässt. Dennoch: Diese minutiöse Anatomie des Desolaten, dieser Tanz der toten Seelen, der bei jedem zweiten Kapitel im halben Satz abrupt endet und den Leser auf den unangenehmen Gedanken zurückwirft, der Mensch sei am Ende doch nichts als eine bloße Verirrung der Schöpfung, ist ein kleines Meisterwerk, kongenial von Agnes Relle übersetzt.

– Gergely Péterfy: “Baggersee”. Roman.

Aus dem Ungarischen übersetzt von Agnes Relle. Zsolnay Verlag, Wien 2008. 143 S., geb., 15,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main



Baggersee

Im Scheitern vereint

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Der ungarische Autor Gergely Péterfy erzählt in seinem Roman von einem Baggersee – wie der Titel schon verrät. Dieser steht jedoch als modellhaftes Zentrum des Scheiterns in Lebensgeschichten. Péterfy hat ein Kammerstück des Grotesken abgeliefert.

Sie kommen her, um im Wasser zu ersticken, sagt der Wächter. Sie glauben, sie kämen zum Baden, weil sie nicht wissen, dass sie zum Ersticken kommen.

Schon die ersten beiden Sätze machen klar: Der ungarische Autor Gergely Péterfy erzählt in seinem ersten ins Deutsche übersetzten Roman nicht nur von einem realen Baggersee als hinlänglich bekanntem illegalem Eingriff in die Landschaft, sondern von einem modellhaften Zentrum des Scheiterns: des Scheiterns von Lebensgeschichten, aber auch des Scheiterns ihrer Erzählbarkeit, denn die immer skurriler werdenden Geschichten brechen einfach ab, oft mitten im Wort. Der Erzähler lässt sie alle den Wächter erzählen, aber so, dass man es nicht immer gleich  bemerkt in dem raffinierten Spiel von gelegentlich sich überlappender direkter und indirekter Rede.

Seltsame Figuren

Erzählt wird natürlich von Figuren des Scheiterns: vom alten Hobbyangler Kálmán etwa, den es drängt, endlich die Witwe Katalin Vadász zu besuchen, der sich aber dabei in so vielen Details (und nicht wenig Alkohol) verheddert, dass er schließlich auf und davon läuft. Oder vom narbigen Anti, der als “Familienvater auf Freigang” an den See gekommen ist und sich dann irgendwann in seiner Knochensammlung vergraben hat – bis er von einem Brief ohne Absender völlig irritiert ist. Dann ist da noch die böse Vera, die den Landschaftsmaler Ervin fasziniert hat; sie  macht krumme Geschäfte mit seinen Bildern und verzieht sich eines Tages, niemand weiß wohin. Der Simulant János Trockenhand gehört ebenso zu diesem Personal wie die Wirtin Irma, die jeden Tag einmal ihr Höschen auszieht, um sich zu lüften, und eines Tages eine Goldmünze darin findet.

Bei der Erfindung des grotesken Personals, das diesen Roman bevölkert, aber auch bei der Überblendung von realer Landschaft und abstrakter Modellhaftigkeit scheint Gergely Péterfy viel von Thomas Bernhards “Frost” gelernt zu haben, seinem erklärten Lieblingsbuch. Und das Sammeln von Trümmern, von Bruchstücken, das die Romanfiguren betreiben, ist für den Autor auch ein literarisches Programm. Und wie im Baggersee, so kann man auch in der Literatur ertrinken.

Der selbsternannte Wächter

Die schrägste Figur des Romans von Gergely Péterfy ist seine Zentralfigur, der Wächter am Baggersee. Mit einem Stofffetzen hat er sich selbst zu ebendiesem Wächter proklamiert. Eines Tages spielt er auf einem kaputten Kassettenrecorder ein kaputtes Band ab, dann macht er Aufnahmen seiner eigenen Geräusche, und am Ende mischt er das alles zusammen, bis er nichts mehr versteht und sich in den Geräuschen verliert.

Dass er noch immer fremd ist am Baggersee, stellt für den Wächter geradezu eine Befriedigung dar, denn er hat sich nirgends so schlecht gefühlt wie daheim; und um das zu untermauern, erzählt er von seinem ehemaligen Nachbarn, der sich, wie er sagt, “vierundzwanzig Stunden am Tag dem Genuss des Daheimseins hingeben” konnte und aus dessen Fenster “Daheimgestank” strömte.

Seither, so der Wächter, kämpft er “systematisch gegen die Verdaheimgeruchisierung an”. Man kann die Übersetzerin Agnes Relle gar nicht genug loben für die Nacherfindung solcher Ausdrücke.

Mit allen Wassern gewaschen

Die Welt der Bruch- und Versatzstücke fügt sich nicht zu einem Ganzen und am Ende bleibt nur die “Ars moriendi”, die alte Kunst des Sterbens. Sie wird exemplifiziert an einem Vogel, der in seinem Sterben auch die Erzählung mit sich reißt. Und das ist ein weiser Trick des mit allen Wassern der Erzähl- wie der Filmkunst gewaschenen Autors Péterfy, denn so entgeht er der tendenziell unendlichen Fortsetzbarkeit dieser Geschichten, und “Baggersee” bleibt, was es ist: ein Kammerstück des Grotesken, ebenso detailgenau wie modellhaft-abstrakt – ohne dass die Erzählung überfrachtet würde durch das Bemühen, gleich ein Weltmodell zu konstruieren.

Gestaltung: Cornelius Hell · 03.09.2008

LINK:http://oe1.orf.at/artikel/213418

Die Welt 16.02.08

Abgewrackte Gesellschaft am Baggersee

Literatur macht vor nichts und niemandem halt. Prinzipiell literarisierbar ist alles. Jeder Mensch, jeder Ort. Deswegen war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass jemand auf die Idee kommen würde, einen Ort in den Zentrum eines Romans zu stellen, der uns von Jugend auf als Zentrum der kleinbürgerlichen Sommertristesse bekannt war – der Baggersee. Wie schrecklich öde heißen Sonntagvormittage auf der Luftmatratze sein können, wussten wir also; wie schrecklich schön sich trotzdem erzählen lässt vom künstlichen Kiesgestade, beweist der 1966 geborene Ungar Gergely Péterfy. Konsequenterweise lässt er alle trostlosen Sommervergnügungen einfach weg. Und macht ernst.

Péterfy verwandelt in seinem Roman vom postindustriellen Gewässer, der zugegeben etwas phantasielos auch noch “Baggersee” heißt, die Welt in klamme, surrealistische Geschichten. Geschichten, die von menschlichem Strandgut handeln, das sich an einem ungarischen Kiesstrand angesammelt hat. Seltsame Wesen, voll seltsamer Geschichten, seltsamer Legenden. Sonderlinge, Trinker und Selbstmörder, rätselhafte Frauen, merkwürdige Liebschaften. Sie landen da, stranden da, verschwinden, ersticken unter Wasser, denn zum schwimmen sind sie gar nicht gekommen. Eine große Parabel auf eine abgewrackte Gesellschaft erzählt der ungarische Nachwuchsstar in seinem dünnen Büchlein – bilderstark, irritierend, tiefgründig. DW

Gergely Péterfy

Baggersee

LINK:http://www.welt.de/welt_print/article1684786/Abgewrackte-Gesellschaft-am-Baggersee.html

Buchkritik/ Archiv | Beitrag vom 20.02.2008

Philosophische Miniaturen über das Nichts

Gergely Péterfy: "Baggersee". Paul Zsolnay Verlag. Wien 2008.
         144 S.

Am See passieren rätselhafte Dinge (Stock.XCHNG)

Ein Baggersee ist in Gergely Péterfys gleichnamigem Band kein Ort des Badevergnügens, sondern eine seltsame Zwischenzone, in der rätselhafte Dinge passieren und Leichen auftauchen. Die Erzählungen in diesem Band kreisen um philosophische Fragen, lassen den Leser aber ziemlich ratlos zurück.

Ein ältlicher Kavalier strandet in Irmas Trinkstube und unterrichtet die Gäste lang und breit über die Kontaktanzeige, die ihn zu der attraktiven Witwe in der Nachbarschaft führen wird, vertrinkt dabei aber seine Entschlossenheit und fährt nach einer Nacht unter dem Sternenhimmel unverrichteter Minne wieder dorthin zurück, wo er herkam. “Witwe Katalin Vadász” heißt die kurze Geschichte, die in Gergely Péterfys Band “Baggersee” noch am konventionellsten wirkt.

Die folgenden fünf Erzählungen sind weitaus verwunderlicher: Eine “böse Vera” schmeißt mit den Worten “subjektiv”, “objektiv” und “Konglomerat” um sich, lockt den Maler Ervin in ihr Bett und verkauft seine Bilder an der Straße an Lastwagenfahrer, die auch wegen ihrer kurzen Röcke halten. 

Der “narbige Anti” bekommt einen Brief, den er nicht liest, der ihn aber jede Sicherheit verlieren und einen anderen Namen annehmen lässt. Drei Menschen haben eine Vision, ein kleiner Vogel verweigert in einem Schuhkarton die rettende Nahrung. Dann ist das Buch zu Ende, dessen zentrale Figur, der Wächter, sich nicht zu Unrecht fragt: “Und was für einen Sinn das Ganze eigentlich haben solle?”

Alle Geschichten tragen sich an einem Baggersee zu, der für den Wächter kein Ort sommerlichen Badevergnügens, sondern des Todes ist. “Sie glauben, sie kämen zum Baden”, sagt er dem schemenhaften Ich-Erzähler, “weil sie nicht wissen, dass sie zum Ersticken kommen.” Der See sei voller Leichen und Müll, weshalb jeder, der badend dem Dreck entkommen wolle, so der Wächter, sich im Dreck wiederfinde.

In sechs nummerierten Kapiteln, die mit den ebenso vielen, oben erwähnten Geschichten abwechseln, erzählt der Wächter von seinen Erlebnissen. Er ist wie alle an diesem Randort dem bürgerlichen Leben entflohen. Der Baggersee ist nicht dessen Negation, sondern eine Zwischenzone:

“Im Gegensatz zum Nichts, das gesetzlich wäre, ist hier alles, was ist, bis zum letzten Nagel ungesetzlich.”

Das schlechte Gewissen, das daraus folgt, lässt nur Provisorisches entstehen: “bei den Holzhäusern fehlt es meist an Holz, beim Beton an Zement, Brunnen reichen nicht bis zum Wasser”. Der Wächter bewacht also kaum etwas.

Als Teil des Rands sucht er das Vergessen und muss feststellen, dass nach dem Vergessen ein “Constrictor” auftaucht, ein Statthalter der vergessenen Dinge, der an diese erinnert und selbst nicht zu vergessen ist. Immerhin nähert sich der Wächter der vollkommenen Fremdheit an, doch als er die von ihr geschenkte Erkenntnis formulieren will, bricht sein Satz in der Mitte ab. Der Wächter ist ein Philosoph ohne mitteilbare Erkenntnis, eine kontemplative philosophische Existenz. Vielleicht auch ein Gefährte von Samuel Becketts großen Wartenden Estragon und Wladimir.

Gegerly Péterfy, 1966 geboren und Nachwuchsprofessor für klassische Sprachen, Ästhetik und Stil an einer kleinen Universität in Nordungarn, legt in seinem ersten ins Deutsche übertragenen Buch, das vom Verlag seltsamerweise als Roman annonciert wird, rätselhafte und phantastische Erzählungen vor. Es sind philosophische Miniaturen über das Nichts und das Heim, über den Rand des Lebens und des Erkennens, über die Kontemplation und die Tat und den Tod. Sie animieren den Leser zum Staunen und lassen ihn immer wieder fragen: “Und was für einen Sinn das Ganze eigentlich haben solle?”

Rezensiert von Jörg Plath

Gergely Péterfy: Baggersee
Roman. Aus dem Ungarischen von Agnes Relle.
Paul Zsolnay Verlag. Wien 2008.
144 S., 15,90 Euro


Auf dem Olymp der Weltfremden

Redaktion

20. Juni 2008, 12:24 posten – derstandard.at/3375394/Auf-dem-Olymp-der-Weltfremden

Gergely Péterfys erster auf Deutsch vorliegender Roman “Baggersee” ist eine meisterhafte Parabel über die Unmöglichkeit des modernen Lebens Eine tote Zone, eine leere, leblose, eine desolate Zwischenwelt hat der ungarische Autor Gergely Péterfy in seinem wunderbaren Roman Baggersee entworfen: Diese Zone, die man sich als eine verdreckte, vermüllte Mondlandschaft vorstellen kann, birgt etwas zutiefst Unheimliches, das jedoch zugleich jedes Unheil, jede Furcht verhüllt. Denn manche fühlen sich von dieser magischen Zwischenwelt wie aus einem drängenden inneren Bedürfnis heraus angelockt. Als wäre die Welt zugrunde gegangen und der Baggersee der letzte abgekapselte Fleck, der den Übriggebliebenen zum Ausharren bleibt. Denn alles Lebende ist in dieser Zone seltsam gebremst, gedämpft. Diese Übriggebliebenen, in Wahrheit sind es eigenwillige Aussteiger, kommen hierher wie auf ein Abstellgleis. Es sind eigenartig selbstbestimmte Melancholiker, die hier ihr Leben auf “Pause” stellen wollen. Und dann bleiben. Wie der narbige Anti, der in einem halben Bus in dieser Einöde lebt und auf einen Grund wartet, in sein Leben zurückzukehren. Doch diesen Grund will er nicht annehmen, inzwischen – womöglich bis in alle Ewigkeit – sammelt er Knochen in Kartonschachteln. Oder der Wächter, der sich seinen Posten selbst ausgedacht hat und die wie aus dem Gras wachsenden in der Landschaft verstreuten alten Tonbänder von Kassettenspulen abwickelt und auf diesen Bändern immer wieder seine eigenen Bewegungen aufnimmt – bis er in diesen Tonspuren Fremden zu begegnen glaubt. Wen wundert es, dass der Wächter einmal, nachdem er von einem wundersamen Brüderpaar zusammengeschlagen wurde, erst Tage zwischen den Tonbändern auf dem Boden liegt, ehe er sich zum Aufstehen entschließt. Verhüllte Wirklichkeit Dieser Wächter – ihn lässt Péterfy den Leser um den Baggersee führen – hat sich damit abgefunden, dass man am Baggersee die Realität nicht immer ausmachen kann; dass hier, wohin man vor dem Leben geflohen ist, alles von seltsamen, entsprechend surrealistischen Vorgängen geregelt wird. Hier sind sogar die Träume anders: Im Schlaf läuft der Wächter durch einen Wald bergab. Von Baum zu Baum, und jeder Baum ist ein Gedanke. Mit jedem Mal aufwachen hat er ein bisschen mehr vom Leben vergessen. “Ich bleibe allein mit dem Fremden, das mich umschlingt, das mich Stück für Stück umschlingt, das sich in mir vorwärts bewegt, wie in der Erde ein Wurm”, heißt es dann. Und weil ihm mit der Zeit auch die Worte zu fehlen beginnen, hören manche der so präzise angelegten Kapitel mitten im Satz, mit einem angebrochenen Wort auf. Péterfy, Jahrgang 1966, schrieb mit Baggersee eine außergewöhnliche, meisterhafte Parabel über die Furcht vor dem Leben, über die paradoxe Existenz in einer modernen Gesellschaft. Seine Figuren sind alles andere als Versager oder Aussteiger. Sie stehen vielmehr erhaben, klar und wissend vor der Unmöglichkeit, das Leben zu leben, in das sie – womöglich aus Versehen – geraten sind. Sie sind Wissende, für einen Zweck Vorgesehene, der allerdings verloren gegangen ist. Die Landschaft des Baggersees, sie ist der Olymp dieser Gestrandeten und Orientierungslosen, der Götterhügel der Feinsinnigen, die vielleicht bloß zur falschen Zeit in die falsche Welt geraten sind.

 (Isabella Hager, ALBUM/DER STANDARD, 14.06/15.06.2008)

Gergely Péterfy, “Baggersee”. Aus dem Ungarischen von Agnes Relle. € 15,90/143 Seiten. Zsolnay, 2008 – derstandard.at/3375394/Auf-dem-Olymp-der-Weltfremden

LINK: http://derstandard.at/3375394/Auf-dem-Olymp-der-Weltfremden

Gergely Péterfys todestrunkener Roman «Baggersee»

Die Schlägerei der Engel

Sind von der Literatur nicht längst alle Bilder aufgeboten, die den existenziellen Riss zwischen der Schönheit der Welt und ihrem Schrecken sichtbar machen? Sanft wiegt sich das Schilf am Ufer von Gergely Péterfys Baggersee, während auf seinem Grund die Ertrunkenen

von Paul Jandl

·      28.5.2008

·     

Sind von der Literatur nicht längst alle Bilder aufgeboten, die den existenziellen Riss zwischen der Schönheit der Welt und ihrem Schrecken sichtbar machen? Sanft wiegt sich das Schilf am Ufer von Gergely Péterfys Baggersee, während auf seinem Grund die Ertrunkenen liegen. Das tödliche Nichts, das die Schöpfung als Idyll tarnt, wird durch einen Roman decouvriert, der selbst poetischer kaum sein könnte. In Péterfys Buch «Baggersee» werden Erfindungen real, die die Realität als blosse Erfindung zeigen.

Wenn jetzt erstmals ein Prosatext des 1966 geborenen ungarischen Autors übersetzt wird, dann ist das trotz gegenteiliger Behauptung nicht wirklich ein Roman. Was über die Menschen erzählt wird, die am Ufer eines Baggersees leben, sind Episoden aus einer parabolisch jenseitigen Welt. Einer Welt, die sich dennoch als die eigentliche begreift. Der Kaninchenzüchter Kövári hält es ausserhalb seines Hauses nicht aus, nicht in seinem Garten und nicht im Stall. Beruhigt ist er nur, wenn er im eigenen Zimmer sitzt, denn das ist die Enklave einer universellen Wahrheit, die genau hier gilt: Jenseits der Grenze dieses Raumes «gab es nur die bedrückenden, grauenerregenden, mörderischen Kontinente der Fremdheit. Ihr Weltozean und ihr sich ausdehnendes Universum gähnten leer.»

Dass Gergely Péterfys literarisches Universum von gähnender Leere ist, kann man nicht behaupten. Es ist voller Beckett, Bernhard und Kafka. Am See gibt es einen «Wächter», der eher über die toten als über die lebenden Schwimmer wacht. «Letztendlich sei der Mensch aber eigentlich  nur schön, wenn er sich nicht bewege, wenn er liege, wenn er nicht mehr atme», sagt der Mann, der das Schwimmen naturgemäss nicht als Sport, sondern nur als verzweifelten Versuch sehen will, nicht zu ertrinken. Auf Péterfys Schauplatz des Moribunden, am Wasser und rund um eine Trinkstube leben Menschen, die das Schicksal hier angespült hat. Ihre Habseligkeiten und ihre Hoffnungen sind nicht grösser als die Koffer, die Sommer für Sommer an den See getragen werden. Die Witwe Katalin taumelt mit ihrem Gepäck auf genau choreografierte Weise dem Haus zu, der Verehrer Kálmán, der ihr auf eine Zeitungsannonce geantwortet hat, kommt erst gar nicht so weit. Die Aussichtslosigkeit seines Ansinnens wird ihm bei den Schnäpsen klar, die ihm die Wirtin Irma reicht.

Der Ungar Gergely Péterfy zelebriert das Scheitern des Schönen mit einer fast schon selbst ungarisch zu nennenden Gelassenheit. Seine Figuren sind Meister einer Vergeblichkeit, die sie aber an ihrem Tun nicht irre werden lässt. Poetisch und düster zugleich wirken Péterfys Erzählungen vom grämlichen Polizisten János Trockenhand oder von Anti, dem Knochensammler, der in seinen Schachteln voller toter Wesen das Grundgerüst des Lebens bewahrt. Die böse Vera spricht vorzugsweise in Fremdwörtern und lernt so den Maler Ervin kennen. Sie verkauft seine Bilder unter Einsatz ihres Leibes und verliert deshalb womöglich ihr Leben. Bald jedenfalls sind Vera und Ervin verschollen.

«Wann kommst du endlich?!», steht in blauer Schulschrift auf einem Zettel, der mit Klebeband am rostigen Autobus Antis befestigt ist. Der alte Mann liest das von unbekannter Hand Geschriebene und ist danach nicht mehr der Gleiche. Er ist anderswo. In einer der vielen Wirklichkeiten, die bei Gergely Péterfy in immer neue Wirklichkeiten hineinkippen. Gibt es da überhaupt noch ein Jenseits? Oder ist in diesem Todespanorama, das mit zarten Beobachtungen aus der Natur angefüllt ist, der Kampf der Fliegen schon «eine Schlägerei der Engel», wie es im Roman heisst?

Gergely Péterfys Prosa hat etwas Schwebendes, eine bis in die Sprachmelodie hineingehende Mittellage zwischen Sanftheit und Erschrecken. Es ist der Übersetzerin Agnes Relle nicht hoch genug anzurechnen, dass sie diesen Stil auf höchst subtile Weise ins Deutsche übertragen hat. Denn nur so wird deutlich, dass Péterfys Roman keine blosse Etüde des Weltzweifels ist, sondern grosse Literatur der kleinen Form.

LINK:http://www.nzz.ch/die-schlaegerei-der-engel-1.744344

Surreale Geschichten, skurrile Beziehungen

Gergely Péterfys neuer Roman „Baggersee”

© Die Berliner Literaturkritik, 14.03.08

http://www.berlinerliteraturkritik.de/fileadmin/blk_images/P/peterfy_cov_ok.jpg

WIEN (BLK) – Der Zsolnay Verlag veröffentlicht Gergely Péterfys neuen Roman „Baggersee“. Der Autor hat mit seinem Buch eine eindrucksvolle Parabel über das verworrene Beziehungsgeflecht der Gesellschaft der Postmoderne geschaffen, teilt der Verlag mit.

Klappentext: Eine verbotene Zone, ein paradoxer, künstlicher Ort? – Sonderbar ist dieser Baggersee, der die Menschen mit magischer Kraft anzuziehen scheint. Merkwürdige Existenzen kommen mit allerlei Gepäck und voller Tatendrang an den See, um dort, wie es der selbsternannte und selbstverständlich alleswissende Aufseher formuliert, „zu ertrinken“. Gergely Péterfy, der in Ungarn Romane, Hörspiele und Erzählungen publiziert, fabuliert präzise wie Péter Esterházy, und sein Erzählen erinnert an die meisterhaften „Miniaturnovellen“ von István Örkény. Auf knappem Raum versteht er es, eine vielschichtige Welt, ein kunstvolles Geflecht aus surrealen Geschichten und skurrilen Beziehungen zu entwerfen.

Gergely Péterfy, geboren 1966, publiziert in Ungarn Romane, Hörspiele und Erzählungen. Er erhielt mehrere Stipendien und wurde unter anderem mit dem József-Attila-Preis (2004) ausgezeichnet. (mik/tan)

Leseprobe:

© Zsolnay Verlag ©

Sie kommen her, um im Wasser zu ersticken, sagt der Wächter. Sie glauben, sie kämen zum Baden, weil sie nicht wissen, dass sie zum Ersticken kommen. Am Wegrand ist Unkraut, dieses winzige, kaum erkennbare Unkraut am Rande der Schöpfung. Haare, Stofffasern, Bänder von Video- und Audiokassetten ziehen sich hier entlang und zittern im Wind.

Über diese Straße muss jeder kommen, der baden will, das heißt ersticken, sagt der Wächter. Er hat keine Mütze, keinen Stock, keine Uniform, nur ein angeheftetes Stück Stoff am Jackett, darauf steht mit einem Filzstift: WACHE. – Die Sonne bleicht es im Sommer immer aus. Jedes Frühjahr schreibe ich darauf: WACHE. Voriges Jahr hatte ich noch einen grünen Filzstift, jetzt habe ich bloß einen blauen. Den grünen mochte ich lieber. Der ist amtlicher. Seit er mit blauem Filzstift WACHE auf das angeheftete Stück Stoff an seiner Weste geschrieben habe, fühle er sich nicht mehr sicher. Kürzlich sei er überfallen worden, das habe an dem blauen Filzstift gelegen, meint er.

– Früher hat niemand gewagt, mich anzugreifen. Nicht einmal mein eigener Vater. Hinter den Büschen hätten sie gelauert. Der eine sprang plötzlich vor ihn hin, der andere schlich sich hinter seinen Rücken. Ich bin die Wache, sagte der Wächter. Hier gibt es keine Wache, antwortete der eine. Das ist ein freier Strand. Und schon schlug er zu. Von hinten hielt ihn der andere fest, während der eine ihn von vorne schlug. Dreimal in die Magengrube. Dann ließen sie ihn liegen. Ihr werdet ersticken!, rief ihnen der Wächter hinterher. Sie aber lachten nur. Die aufklatschenden Badeschlappen wirbelten ihnen Staubwolken um die Beine. Darin verschwanden sie. Er lag auf der Straße, über dem Kopf zitternde Bänder von Video- und Audiokassetten, und Unkraut.

– Ich wollte nicht mehr aufstehen. Dann dachte ich, es steht mir zu, dass ich sehe, wie ihre Leichen vom Wasser nach oben getrieben werden. – Es sei denn, sie klammern sich unter dem Wasser fest, am Griff eines alten Ofens oder an einer Waschschüssel voller Schlamm. – Wer ertrinkt, weiß oft nicht, wo oben und wo unten ist. Darum kämpft er sich manchmal weiter nach unten vor und klammert sich dort fest. Die Tiefe des Baggersees ist voll von solchen Toten, die sich festklammern. Sie hocken um den alten Ofen und liegen um die Waschschüssel herum. Manche klammern sich aneinander fest, sagt der Wächter.

Wir sollten zur Trinkstube gehen, schlägt er vor. – Ich wohne seit zwanzig Jahren am Baggersee, aber ich habe nicht gewusst, dass es eine Trinkstube gibt. – Aber sicher. An jedem Baggersee gibt es eine Trinkstube. Eine Trinkstube und einen Wächter. Und wirklich, da war die Trinkstube. – Das ist Irma. Und das ist mein Freund. Er wohnt seit zwanzig Jahren hier am Baggersee. Irma ist wie ein Dinosaurier mit Federn auf dem Lastwagen-Parkplatz. – Ich wohne auch schon lange hier! Ich wohne gerne hier. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. – Es gibt auch längere Zeiten. Aber lassen wir das. Mein Freund möchte trinken, sagt der Wächter.

Irma wischt Kaffeesatz aus dem Glas, aber der Kaffeesatz bleibt. Den Wein gießt sie darüber. Vielleicht ist es gar kein Kaffeesatz, vielleicht sind es Ameisen oder Mohn. – Wein von meinem Bruder. Hauswein. Reiner Wein, sagt Irma. – Guter Wein. Der Hauswein von ihrem Bruder, sagt der Wächter. Ich wohne seit zwanzig Jahren am Baggersee, aber ich habe noch nie den Hauswein von Irmas Bruder getrunken. Altöl, Essig und Ziegenpisse, mit Ameisen darin. – Dein Bruder hat Talent, sage ich. – Stimmt, sagt Irma. Erwohnt auch hier am Baggersee. Er ist sogar hier geboren. So etwas kann man nicht lernen.

Irmas Bruder habe den Baggersee schon mehrfach verlassen wollen. Er hasse den Baggersee, habe er Irma gesagt, sagt Irma. Als er jung gewesen sei, vor fünfunddreißig bis vierzig Jahren, habe er lernen wollen. Er hat gesagt, dass er lernen will. Dass er nicht hier am Baggersee verrotten will. Das hat er gesagt, verrotten. Dass Gott ihn ausersehen hat, dass Gott Pläne mit ihm hat, hat er gesagt, sagt Irma. Der Bruder von Irma, der Weinbauer, habe die Oper gemocht.

– Er ist in die Oper gegangen, um etwas damit anzufangen. Er hat nicht gewusst, was er anfangen würde, aber er spürte, dass er in die Oper muss. Und als er dann in der Oper gestanden habe, sei er dahintergekommen, dass das nichts für ihn sei. Wie eine Eingebung. Ich hatte das Gefühl, dass das nichts für mich ist, hat er gesagt, sagt Irma. Und Irmas Bruder sei heimgekommen und seitdem sei er Weinbauer am Baggersee. Er ist ein glücklicher Mensch. Weinbauern sind glückliche Menschen, sagt Irma.

© Zsolnay Verlag ©

Literaturangaben:
PÉTERFY, GERGELY: Baggersee. Roman. Aus dem Ungarischen von Agnes Relle. Zsolnay Verlag, Wien 2008. 144 S., 15,90 €.

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